Beruf: Methodologe von bilwet ³Wir sind eure Führer. Tut, was wir euch sagen. Gehorcht eurer Regierung, denn eure Regierung gehorcht uns. Wir gehen zusammen in die Zukunft.² Glorie der Menschheit I. Der Methodologe lehrt uns, die Lösung zu finden. Er entwickelt das Navigationswerkzeug, mit dem wir uns durch die mentalen Landschaften bewegen können. Er bewahrt uns vor der Gefahr, daß das Leben in eine Irrfahrt ausartet. Er ist der Urvater aller Zivilisation und Sittlichkeit und liefert das Fundament für Moral und staatliche Ordnung. Er formuliert die Apriori, auf denen Lehrer, Priester, Wissenschaftler, Propheten und Politiker ihre Dienstordnungen gründen. Handeln ist das Wesensmerkmal des Menschen. Sobald es das Stadium der Bastelei überschreitet, ist es eine strukturierte Tätigkeit. Das Handeln wird aufeinander abgestimmt und der Methodologe legt die Matrix dahinter fest. Man fragt ihn um Rat und besucht ihn in der Ratskammer des konstitutionellen Hofes, der mit den Existenzfragen beschäftigt ist. Er definiert Positionen, ohne in die Öffentlichkeit zu treten. Das Geheimnis der Methodologie ist ihre Transparenz. Sie kann zwar zu Rate gezogen werden, man kann sich jedoch nicht darauf berufen. Sie bahnt den Weg für ³höhere Kulturmächte². Der Ruf nach dem Methodologen, der einen positivistischen Kathechismus aufstellt, taucht aus der täglichen Berichterstattung auf. Mit dem allgemeinen Mißtrauen gegenüber den heutigen öffentlichen Sachverwaltern wächst die latente Sehnsucht nach einer Œneuen Ordnung¹. Die Kuratoren der parlamentarischen Demokratie und der sozialen Marktökonomie dürfen noch etwas im Amt verbleiben, aber ihr Mandat läuft bald ab, ohne Aussicht auf Verlängerung. Das ist das Volksempfinden in der Herbstzeit der Medien. Ein Œneugestifteter Zusammenhang¹ muß wieder Einheit bringen, egal welche. Der Methodologe ist ein Komponist, der ein großes soziales Oratorium zum Klingen bringen kann. Er verfügt über Tonskalen, die das ganze Zusammenleben wieder in einen Kontext zu stellen vermögen. Wer gerade das Unbehagen zu beschreiben weiß und die Krise erklären kann, verfügt über den Schlüssel zur heißbegehrten Zukunft. Der Methodologe ist auf der Suche nach der killer application, der Systemsoftware, auf der die gesamte Gesellschaft läuft. Religionen, Weltanschauungen und politische Doktrinen können am Vorabend des Jahres 2000 diese Aufgabe nicht übernehmen. Sie sind ausgespielt, abgebaut, ausgebrannt und versagen bei der Fundamentierung der neuen Konstitution. Es geht um mehr als nur Lebensfragen. Praktikable Kompromisse und gute Pläne finden keinen Anklang. Es geht ums Big Picture, aber nicht als Vision. Die erwartete abstrakte Metastruktur ist bedeutungslos und leer. Pure Form. Kräfte und Gegenkräfte werden nicht mehr gehemmt, man kann nicht mehr mit etwas einverstanden oder nicht einverstanden sein. Man kann sich höchstens eine Übersicht über die Paradoxe, die dazu führen, verschaffen. II. Tauche ein in das Chaos, welches das Aufgeklärte Abendland heißt. Ein Frühstadium der heutigen Geistesverwirrung ist das Begrüßen traditioneller Werte. Man kommt nicht viel weiter als an so etwas wie Neo-Konservativismus zu appellieren - doch ganz normal heiraten und dafür sorgen, daß die Kirchen sich wieder füllen. Man blickt mit politischem Neid auf die Œethnischen Gemeinschaften¹, die noch so eine authentische Geborgenheit ausstrahlen. Gern kleidet man sich in Kostüm und Anzug, hält sich in Räumen mit Vorhang und Teppich auf, fährt einen Klassiker und umgibt sich mit vertrauenerweckenden Markennamen. Dieser teure Kitsch dient als Puffer gegen die unerträgliche Leichtigkeit der Technik und ihrer Implikationen. Der Marmor auf dem Beton ist eine Lebens- und Verschleißlage, die über die kahle Struktur gelegt wird. Das Louis XIV-Lämpchen auf dem Dressoir aus Nußholz soll uns beruhigen. Dieselbe Funktion erfüllt die Norm- und Wertepolitik, die nur aufgewärmt, nicht aber angewendet wird. Konstantes Reden vitalisiert die Erinnerung und läßt die tatsächliche Desintegration unversehrt. Hierin verbirgt sich auch die Tragik der Ideologie-Kritik, die mit der Werbung der Lebensstile eigentlich eine Polemik transportiert. Der Maskerade des fabrizierten Neo-Traditionlismus steht ein ebenso artifizieller Modernismus gegenüber. Einst war man von den Entdeckungen Darwins und Einsteins begeistert, erkannte die Vögel des Feldes an ihrem Gesang und labte sich an der Populärwissenschaft. Heute gibt es lediglich Wissenschaftsjournalismus, von dem nichts hängen bleibt - komplexe Fragen mit vielen Vor- und Nachteilen, die noch weiter untersucht werden müssen. Das Streben nach gesellschaftlichen Zielen wie Gleichheit, Bildung für alle, Emanzipation und kulturelle Entfaltung wurde ersetzt durch Abschirmung und Stylen einer wiedererkennbaren Erlebniswelt. Das Problem des Progressiven liegt im Grenzkonflikt mit unvereinbaren Subkulturen: der Homo in der Armee, Travestie am Arbeitsplatz, der Bohemien als vertrauenswürdiger Geschäftspartner, Christenpunks, Antiporno-Feministen in der Autowerkstatt, rassistische Allochtone. Die Zukunft aller ist auf den freien Umgang im eigenen Soziotop reduziert. Solidarität ist dann der Mut, das eigene Lebensprogramm zu vertreten. ³Ich wollte in meinem Garten spazieren.² (Schwester Bertken) Die geistige Verwirrung mag dann wohl proportional zunehmen, mit all ihren prickelnden Konfrontationen, doch sucht sie einen Ausweg. Der partikuläre Anarchismus des Revolutionärs-in-der-eigenen-Szene generiert Hybriden, die nicht vorhersehbar waren. Durch den Kurzschluß kontrastierender Privat-Initiativen entstehen mediale Wirbelwinde, die eine Spur der Verwüstung in der moralischen Landschaft hinterlassen. Die befriedete Existenz zerfällt und die potentielle Gewalt ist entfesselt. Bereits bestehende Elemente der Œstrukturellen Gewalt¹ werden in einen Zusammenhang gebracht und durchbrechen plötzlich alle existierenden Items. Das ist der Augenblick, in dem allerlei Experten ihre Chance wahrnehmen und die alles erklärenden Theorien freie Fahrt erhalten. Es können nicht genug Notverbände angelegt und gewechselt werden: Freimaurer, Mafia, Außerirdische, die Börse, wahnsinnige Kühe, das Netz. In diesem Moment offenbaren sich die Gerufenen als Amateur-Methodologen. Ihnen mußte man nichts erzählen. Nun da das Volk nicht mehr ein noch aus weiß und die Medienmacher ihren Vorrat an Klischees erschöpft haben, muß es wohl von stillen Mächten kommen. Die Schatz- und Siegelbewahrer müssen ihren Kopf dafür hinhalten und es muß etwas ans Licht kommen, koste es was es wolle. Das Patchwork der Subkulturen scheint noch launischer als erwartet, voller geschmackloser Überschneidungen. ³Wer hätte das je gedacht?² Die geschaffene Unordnung auf moralischer, politischer und ökonomischer Ebene artet nicht ohne weiteres in eine Entropie aus , sondern bringt auch ein ordnendes Prinzip her. Die ŒBanalität des Guten¹ (Eike Geisel) mag dann wohl eine unentrinnbare Lächerlichkeit an sich haben, die wir als ohnmächtige Naivität abwinken können, doch kann die organisierte Unschuld nicht als ein auf sich selbst beruhendes Phänomen abgetan werden. Die Empörung des Volkes ist sowohl Zielscheibe als auch Maßstab für dss verursachende Böse. Ohne satanische Kellerriten kann das weiße Banner nicht im Licht der Gerechtigkeit glänzen. Der Sprachlosigkeit gelingt es dann auch nicht, das Knäuel aus guten Absichten und bösen Plänen, Kriminalität und Gewalt, zu entwirren. Was bleibt, ist das Erdulden einer kurzfristigen Einmütigkeit, in der die wenigen nackten Tatsachen ihre Aura zurückerhalten. ³Die Kinder sind unschuldig.² III. Jede Methode versagt. Es ist die Eigenschaft der Methode, das gesamte Feld zu durchdringen, und alle tausend Flächen unter einen Nenner bringen zu wollen oder einen Bipol zu installieren, der alle Teile abstößt und anzieht. Eine Methode darf ausschließlich auf ihrer eigenen Ebene funktionieren und dort ein Regelwerk organisieren. Eine Methode auf eine andere Ebene aufzusetzen, ist eine hermeneutische Strategie, um neue Ideen hervorzuzaubern. So lautet die goldene Regel der Theorie, die weiterhin strikt von der Praxis und anderen Subsystemen unterschieden werden muß. Jeder Anspruch auf Verallgemeinerung muß gezügelt werden, und das ist die Zivilisationsarbeit, welche der Methodologe verrichtet. Auf einer Ebene zu versagen, ist noch keine Katastrophe, aber wo eine Synergie vollkommener Schnitzer auftritt, kann ein Kontinent in einen Weltkrieg versinken, samt dem entsprechenden phantasielosen Wiederaufbau. Die Geste der Interdisziplinarität (art meets science) wurde durch die rührende Unbeholfenheit des ³Ich irre mich, du irrst dich, aber zuammen kommen wir da raus² motiviert. Aber auf der geheimen Agenda stand immer das Streben nach der Universaltheorie, die sich aus den fragmentarischen Disziplinen über den Schleichweg des kreativen Chaos offenbaren soll. Aus der kritischen Masse der ebenso non-genialen Konzepte soll eine Kettenreaktion in Gang kommen, wodurch alles und mehr (Diskurse, Strukturen, Systeme) auf einen Nenner gebracht und damit beherrschbar werden soll. Die Problematik lautet jedoch: ³Ich bin genial, du bist genial und zusammen lösen wir eine Katastrophe aus.² Das Allgemeine ist nur eine der Ebenen und darf niemals dem Besonderen gegenübergestellt werden. Allgemeine Äußerungen sind nur auf allgemeiner Ebene gültig und haben keine Aussagekraft über andere Komplexitäten. Das Allumfassende ist faktisch ein Genre mit allen damit verbundenen Beschränkungen. In Krisenzeiten will man zwar noch einmal einen Gemeinplatz-Effekt generieren, aber der bleibt nicht über die Dauer der Krise hinaus haften. Das sind die Eruptionen, die Wogen moralischer Panik, die solcherart gestylt werden und darin ihren Ausdruck finden. Das Besondere mag dann zwar wuchern und so jedem Versuch einer universellen Erklärung den Boden entziehen. Doch ab und zu kann man das Allgemeine feiern. Es wird greifbar, ohne daß es sich realisiert. Alle Autopoesis beiseite, es geht um die allgemeine Ohnmacht.