Es geht darum, die Netze zu unterwandern ! Kürzlich trafen sich auf einem Zeltplatz ausserhalb von Amsterdam rund 2500 Computerhacker zu «Hacking In Progress 1997» oder kurz HIP97. Bei Vorträgen und an Workshops tauschten sie praktisches und theoretisches Wissen rund um den Computer und das Internet aus. Bei dieser Gelegenheit traf Patrik Tschudin den holländischen Medienaktivisten Geert Lovink, Mitglied der «Agentur Bilwet», der «Stiftung zur Förderung der illegalen Wissenschaft». Ein Interview. Von der Agentur Bilwet liegen bereits einige Bücher auf Deutsch vor: «Bewegungslehre», «Medienarchiv», «Datendandy», und als neuestes «elektronische Einsamkeit». Neben seinen theoretischen Tätigkeiten setzt sich Lovink ein für sämtliche von ihm so genannten «taktischen» Medien. Das kann Piratenradio sein, Internet, lokales Fernsehen etc. Er ist vor allem interessiert an der Verbindung zwischen all diesen Medien. Stichwort «taktische Medien». Eine Taktik ist meist auf ein Ziel hin ausgerichtet. Was ist das Ziel bei den taktischen Medien ? Die Ziele werden festgelegt von Gruppen, die sich entschliessen eine Kampagne zu machen gegen Shell zum Beispiel, oder gegen McDonalds, für politische Gefangene, für ein Umweltanligen oder gegen AKWs usw. Dann organisiert sich da drum herum eine Bewegung. Heutzutage werden die Bewegungen natürlich immer seltener. Sehr viel ist in diesem Sektor übernommen worden von den sogenannten NGOs, den nicht-staatlichen Organisationen. Das ist die bürokratische Variante der sozialen Bewegungen der 70er und 80er Jahre. Und wir gehen eigentlich vor allem dagegen vor. Wir sind von der autonomen Fraktion. Wir glauben nicht an diese Institutionalisierung. Du bist auch Mitglied der Gruppierung, die die Internet-Site www.contrast.org betreibt. Ist diese auch ein Teil des Konzeptes der taktischen Medien ? Ja. Im Bereich Internet sehen wir, dass die politischen Institutionen die Politik betreiben, nur Netze für sich selbst zu bauen, dass sie keine wirkliche Öffentlichkeit schaffen, dass sie stecken bleiben in ihren Ritualen der letzten Jahrzehnten. Und dass sie das Netz erstens nicht begreifen wegen ihrer anti-Technologie-Vergangenheit und zweitens, dass sie es auch nicht sehen als Teil der Öffentlichkeit, als Teil einer Öffentlichkeit, die wir selbst schaffen müssen. Diese Öffentlichkeit ist nicht vorgegeben. Da sind aber sehr grosse Interessen von Seiten der Regierung und seitens der grossen Telekommunikationsgesellschaften und Computerfirmen, Stichwort: Microsoft. Dagegen müssen wir zuerst mal kämpfen. In diesem sehr dynamischen Raum sehen wir viele Möglichkeiten, Kampagnen zu machen. Das heisst, nicht nur Daten ins Netz zu legen. Das ist uns viel zu passiv, das bedeutet einfach nichts heutzutage. Man muss organisiert die Netze als Werkzeug benutzen, und gleichzeitig selbst eine eigene Öffentlichkeit schaffen und eigene Netze aufbauen. Das müssen vor allem offene Netze sein. Die «public-access»-Idee von damals aus der Radiobewegung und aus dem Bereich Fernsehen und Video ist sehr wichtig. Die muss in den Bereich der Netze transplantiert und dort fortgesetzt werden. Du sagst also, dass es wichtig ist, zwischen Netzaktivitäten und konketen sozialen und politschen Aktivitäten in der «realen» Welt Verbindungen zu schaffen ? Klar. Es geht nicht um eine virtuelle Präsenz. Die besagt überhaupt nichts. Jeder hat heute eine Präsenz in den Netzen. Es geht darum, die Netze zu unterwandern, vielleicht sogar auch mit nicht-legalen Methoden den Feind anzugreifen, seine Bilder zu klauen, vor allem, wenn's um multinationale Konzerne geht. Man muss die Netze auch als Forum sehen, wo man nicht einfach passiv nur mitmacht, sondern eingreift. Digitales Exil Gibt es da Erfolgsgeschichten ? Natürlich. Es gab zum Beispiel Bestrebungen, wie beim letzten Eurogipfel «Eurotop» in Amsterdam, die Aktivitäten auf der Strasse direkt zu verbinden mit einer sehr diversen Medienlandschaft. Wir benutzten Zeitungen, Radio, Internet etc. und versuchten damit zu zeigen, dass wir mit vielen sind, dass wir nicht nur die sind, die da auf der Strasse sind, die in dem Moment da protestieren. Man muss es bildhaft machen. Wir müssen Verbindungen schaffen. Es wird immer schwieriger für die Leute nach Europa zu kommen, sei es beispielsweise aus Ost-Europa oder Afrika. Es wird immer schwieriger die Menschen einzuladen, um auf Treffen zu kommen, um zu erzählen was bei ihnen vorgeht. Wir müssen da eingreifen und zusammen mit den Menschen dort Netze bauen. www.contrast.org setzt gegen staatliche oder andere Eingriffsversuche auf dem Netz das Konzept des «digitalen Exils». Was bedeutet das konkret ? Es ist sehr wichtig, dass unterdrückte Nachrichten sich frei bewegen können und dass wir dafür sorgen, dass die Dinge, die beispielsweise in Deutschland nicht erscheinen dürfen, hier in Holland auf einem Server liegen, damit die Leute weltweit darauf Zugriff haben. Traditionell, historisch gesehen, hat Holland natürlich eine solche Aufgabe zu erfüllen. Wir sehen das wirklich als historische Aufgabe: ein Freiplatz zu sein. Sehr viele Bücher in den letzten Jahrhunderten sind hier erschienen, exakt aus dem gleichen Grund. Das muss man jetzt wieder fortsetzen. Bei der Agentur Bilwet und bei «Net-Time», einem Internet-Forum zu Diskussion von Netztheorie, arbeitet ihr mit relativ traditionellen Medien. Vor allem nämlich mit Text. Es sind Aufsätze, textliche Gedankenkonzentrate. Heisst das, dass Text als Medium zur Auseinandersetzung mit der Welt, mit der Technologie, seine Wichtigkeit behält, auch wenn die Computer und ihre Möglichkeiten zu einer ganz anderen, vielleicht bildhafteren Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Welt verleiten ? Ja, bestimmte Arten von Text auf jeden Fall. Text hat im Internet erst mal an Bedeutung gewonnen. Unter anderem E-mail ist ja auch Text. Alle müssen immer noch lachen über Multimedia. Zum Glück. Weil es nicht funktioniert. Das ändert sich nur langsam. Wir geniessen jetzt richtig die Möglichkeit von RealAudio (siehe www.real.com), die Möglichkeit, dass wir jetzt Radio im Netz machen können, dass die Qualität einigermassen OK ist, dass es hörbar ist. Insofern gibt es da bestimmte Verschiebungen. Aber im Grunde geht es darum: Die herrschende Macht interessiert sich überhaupt nicht für das Internet. Nach wie vor. Trotz aller visionären Versprechungen und Andeutungen ist das Internet immer noch ein Null-Medium, wenn es auf Macht ankommt. Macht, das ist erst mal an der Oberfläche, das ist nicht Computer, das ist Fernsehen. Da wird die Macht veranstaltet. Das sieht man auch bei Revolutionen. Selbst die Zensurfrage im Internet ist letzlich vor allem schön für ein paar Leute, aber die richtige Zensur findet natürlich im Fernsehen statt, da wo die Massen beeinflusst werden. Worin liegt die Bedeutung eines Treffens wie HIP97 ? Bestimmte Traditionen und Kenntnisse aus den 80er Jahren werden hier fortgesetzt. Die ganze Ethik, die Frage, was Hackertum ist, die wird in gewissem Sinne weitergegeben an neuere Generationen. Das halte ich für äusserst wichtig, damit diese Tätigkeit, die sehr gefährlich und subversiv sein kann ­ sie kann auch kriminell sein, sie hat viele Aspekte ­, dass diese Tätigkeit und diese Tradition erst mal lebendig gehalten wird. Ausserdem muss man sagen, das sich in den letzten 10 Jahren die Themen doch nicht so immens verändert haben. Kryptographie (Verschlüsselung) bleibt nach wie vor sehr wichtig. Die Frage der Privatsphäre, bestimmte Fragen von Politik und wie die Netze gestaltet werden, wem sie gehören, das alles war, ist und bleibt aktuell. Interview: Patrick Tschudin