Der kurze Sommer des Internet Ein Gespraech mit Geert Lovink Von David Link und Leander Scholz Fuer NZZ (Amsterdam, Maerz 1996) Seit ueber zehn Jahren widmen sich der Amsterdamer Medientheoretiker Geert Lovink und seine Agentur BILWET (Bevordering van de ILlegalen WETenschap, das heisst: Befoerderung der illegalen Wissenschaft) den Moeglichkeiten und Risiken der Computermedien. 1993 initiierte er PRESS NOW, eine Kampagne zur Unterstuetzung unabhaengiger Medien im ehemaligen Jugoslawien, 1994 gruendete er mit der Digitalen Stadt Amsterdam eine der ersten "Staedte" im Internet. David Link und Leander Scholz unterhielten sich mit ihm ueber Computer als Spielzeug und Waffe, den Kampf um die Unabhaengigkeit des Internet und Unbekannte Theorieobjekte. NNZ: Koenntest Du kurz etwas zur Geschichte der Agentur BILWET erzaehlen? Lovink: Gegruendet wurde BILWET 1983 von Basjan van Stam. Wenig spaeter stiessen einige andere Leute dazu, unter anderem auch ich, und seit 1985 sind wir zu fuenft: Arjen Mulder, Lex Wouterloot, Ger Peeters, Basjan und ich. Wir sind eine lose Assoziation, kein Kollektiv. Anfangs haben wir Film- und Psychoanalyse gemacht. Im Berliner Merve-Verlag erschien damals die Zeitschrift TUMULT mit dem Untertitel Verkehrswissenschaft. Das hat uns sehr inspiriert. Wir haben Verkehr in der Folge sehr buchstaeblich aufgefasst und uns viel mit der Autobahn, also mit dem tatsaechlichen Verkehr beschaeftigt, aber auch mit Sex als Verkehr zwischen den Geschlechtern. Die Texte von Klaus Theweleit waren fuer uns in dieser Phase sehr entscheidend. Dann, mit dem Aufkommen der Datenautobahn, wurde eine neue Verkehrswissenschaft notwendig, eine Form von ambulanter Wissenschaft. Wir stellen keine Thesen auf oder arbeiten an einem geschlossenen Werk, sondern produzieren zunaechst fiktive Konzepte, die irgendwann auf die Realitaet stossen. Diese Konzepte nennen wir UTOs (Unbekannte Theorie-Objekte). Die UTOs lsoeen etwas aus oder nicht, das haengt nicht von uns ab, sondern ist allein eine Frage der sozialen Dynamik. In Deutschland versucht man oft, uns mit unseren UTOs wieder in die Autorschaft zu zwingen. Aber es gibt keinen Autor. Wir schreiben unsere Texte meist zu zweit und bilden dann so etwas wie ein third mind, d. h. wir produzieren zusammen etwas ganz anderes als jeder fuer sich. Das Medienverfahren der Agentur BILWET geht weit ueber meinen Horizont hinaus. Die Texte sind Gedankenexperimente, aus denen jeder von uns seine eigenen Schluesse zieht. N: Und wie laeuft dieser gemeinsame Schreibprozess konkret ab? L: Wir setzen uns zu zweit oder zu mehreren zusammen und schreiben etwas. Wenn es fertig ist, wird es kaum noch ueberarbeitet. Wir machen den Zufallsgenerator an, der auf ein bestimmtes Reizwort anspringt und so die Gedanken strukturiert. Bisher haben wir immer sehr intensive Texte geschrieben und keine grossen Forschungsarbeiten, da das Format fuer diese Art von Texten nicht geeignet ist. Wir sind kein Teil der akademischen Diskursfabrik. Wir arbeiten ausserhalb dieser Institutionen. Im Unterschied zu den akademischen Medientheoretikern sind wir von der froehlichen, von der hedonistischen Fraktion Amsterdam, das ist vielleicht unser touristisches Schicksal. Wir sind nicht so furchtbar skeptisch den Medien gegenueber. Dennoch moechten wir ihre Macht nicht nur im objektiven, sondern vor allem im subjektiven Bereich relativieren. Wir denken, dass diese Form von Lebenswelt die Leute nicht komplett beherrschen sollte. Medien sind fuer uns Spielzeug, das man auch wieder in die Ecke stellen kann. Die akademische Medientheorie ist dazu nicht in der Lage, weil sie ihr eigenes Objekt viel zu ernst nimmt. Medientheorie ist ja im Grunde kommerziell. Im Gegensatz zu Deutschland sind communication studies beispielsweise in den angelsaechsischen Laendern sehr marktbezogen ausgerichtet. Der Hauptzweig der Medientheorie ist der, wo das Raetsel Publikum geloest werden soll. Sie gehoert zum Designbereich, ist schon Teil des Medienbetriebs. Medientheorie, die sich eher aus den Bereichen Philosophie und Literaturwissenschaft speist, ist eher ein deutsches Phaenomen und deswegen auch einmalig als touristisches Produkt zu verkaufen. Fangt endlich damit an! N: Gerade hast Du die Medien als Spielzeug bezeichnet. Auf der anderen Seite engagierst Du Dich sehr ernsthaft in verschiedenen Medienprojekten. Anfang 1994 hast Du mit der Digitale Stad Amsterdam eine der ersten digitalen Staedte aufgebaut. Innerhalb dieses Projektes setzt Ihr Euch fuer die Einrichtung von oeffentlichen Internet-Terminals ein. Auch wenn Du innerhalb der Press Now-Initiative fuer die Unterstuetzung unabhaengiger Medien in Ex-Jugoslawien kaempfst, begreifst Du das Ganze nicht mehr als ein Spielzeug. L: Nein, dann eher als Waffe. Aber auch diese Metapher ist gefaehrlich. Dann benutzen wir das Medium naemlich naiv und im klassischen Sinne, ohne uns zu fragen, was wir da benutzen. Man muss die immanenten Eigenschaften dieser Medien sehr genau studieren. Das hat die Generation vor uns nicht gemacht, obwohl sie sie sehr ernst genommen hat. Sie hat die Medien entweder naiv als Waffe benutzt oder pauschal als Kulturindustrie abgelehnt. Es gibt aber medienimmanente Eigenschaften, die man geniessen und deren Verfuehrung man kennen sollte. Wenn man beispielsweise die militaerische Herkunft dieser Medien nicht kennt, oder das Verfuehrerische an anderen Kulturpatterns, weiss man nicht, was man mit ihnen anfangen kann. N: Koenntest Du kurz etwas ueber die PRESS NOW-Kampagne erzaehlen? L: In Jugoslawien haben die Medien um 1989/90 bei der Ausnutzung der oekonomischen Krise fuer nationale und ethnische Zwecke sowie bei der Aufhetzung der Bevsslkerung eine entscheidende Rolle gespielt. Es gab dort keine Fernsehrevolution wie in Rumaenien, keine Demokratisierung der Medien, sondern eine ungeheure Machtkonzentration. Und da die demokratische Opposition der Zamistat (die jugoslawische Underground-Literatur) noch nicht weit genug gewachsen war, gab es kaum Mittel, dagegen anzugehen. Piratensender und die wenigen freien Zeitungen waren die einzigen Anfaenge einer demokratischen Kultur von unten. Deshalb haben wir 1993 PRESS NOW gegruendet, eine Kampagne zur Unterstuetzung unabhaengiger Medien im ehemaligen Jugoslawien, die sehr erfolgreich war. Unsere Forderungen waren minimal, Grundprinzipien einer medienorientierten Gesellschaft, um manipulative Tendenzen auf Dauer zu verhindern. Eine unserer Haupthoffnungen war dabei Zamir, das Computernetz der Antikriegsbewegung. Mittlerweile laeuft die Kampagne europaweit und wir unterstuetzen dieses Netz, Wochenzeitungen und verschiedene andere Medien. N: Kurze Zeit spaeter wurde De Digitale Stad gegruendet. Was interessiert Dich an diesem Einsatz von Medien? L: Es geht uns um eine bestimmte Verortung, eine Verbindung von Menschen in einer lokalen Kultur. Das ist der Sinn der Metapher Stadt. Wir glauben, dass es keinen Sinn macht, sich an einer globalen Kultur zu beteiligen. Wir moechten unsere eigenen Subsysteme aufbauen und die muessen nicht nur auf Hollaendisch sein. Wir wuenschen uns groesstmoeglichen Reichtum und Vielfalt. Deshalb setzen wir uns auch sehr dafuer ein, dass beispielsweise in Kneipen oder Bibliotheken oeffentliche Terminals eingerichtet werden. Nicht jeder muss einen Computer besitzen. Mittlerweile hat die Digitale Stad ueber 50.000 Einwohner und das Wichtigste ist fuer uns die Kommunikation zwischen ihnen. Wir sind - im Unterschied zu vielen anderen Projekten, die hauptsaechlich Informationen anbieten - keine blosse Ansammlung von web-Seiten. Die Beteiligung des Einzelnen ist uns wichtig, und deshalb hat das Ganze auch eine Eigendynamik bekommen, die weit ueber das urspruengliche Projekt hinausgeht. Wir stellen nur einen bestimmten Rahmen, eine Infrastruktur zur Verfuegung. Wie die Bewohner sich dann treffen, kommunizieren oder Spiele spielen, ist ihre Sache. Die Buerger koennen die Stadt selbst mitgestalten. N: Und wer kontrolliert diese Struktur? Gibt es einen Buergermeister? L: Nein. Wir muessen ohnehin wegkommen von einer Betrachtung, die die Struktur von realen Staedten eins zu eins auf digitale Staedte uebertraegt. Es gibt keine Entscheidungsgremien. Moeglichst viele sollen die Stadt mitgestalten. N: Aber das heisst doch, dass die Entscheidungstraeger letztenendes die Technokraten sind. L: So ist es. Wenn wir die Maschinen ausschalten, geht nichts mehr. Eigentlich muessten deshalb alle Technokraten werden. Damit mssglichst wenige zentrale Organe entstehen, die ueber das Ganze entscheiden, muss die Vernetzung im realen Raum weiter vorangetrieben werden. Compuserve ist beispielsweise ein sehr zentralistisches System. Viele Leute muessten endlich verstehen, dass im Netz nach wie vor viele verschiedene Modelle nebeneinander existieren. Es gibt hierarchische Netze, wo man sich zwar als guter Kunde fuehlt, aber auch von der Zentrale zensiert werden kann. Das heisst, eigentlich handelt es sich nicht einmal um Zensur, sondern man kauft sich - wie bei einer Zeitung - ein Produkt, und wenn man nicht damit einverstanden ist, kauft man ein anderes. Bei dezentralen Netzen hingegen funktionieren andere Logiken. Man bemueht sich eher zu deregulieren. N: Fuehrt diese Deregulation - jeder kann veroeffentlichen, was er will, ohne dass so etwas wie ein Lektor die Dokumente gegenliest und eventuell korrigiert - im Moment nicht auch dazu, dass ziemlich viel Schrott im Internet herumliegt? L: Bis jetzt ja. Aber das wird verschwinden, sobald der Markt voll ins Internet eingedrungen ist. Was wir im Moment erleben, ist nur der kurze Sommer des Internet. Es werden Lektorate kommen und die Industrie wird das Ganze uebernehmen. Die Zeit des naiven Utopismus ist vorbei. Jetzt dringt die Realpolitik ein. Natuerlich ist das Internet noch immer ein neues Medium, ein Raum, den man offenhalten muss. Es gab Versuche, das Internet bei den Vereinten Nationen als Land anzumelden und John-Perry Barlow hat beispielsweise kuerzlich eine Unabhaengigkeitserklaerung des Internet verfasst. Aber viele glauben, dass dort etwas vollkommen Anderes passiert als in der realen Welt oder in anderen Medien. Man darf die Macht der Nationalstaaten und die Mechanismen des Marktes nicht unterschaetzen. Viele hoffen, dass die Zeit des Staates vorbei ist und die internationalen Konzerne diese Tendenz noch unterstuetzen. Ich bin da eher skeptisch. Ich moechte eine realistische Analyse des Feindes machen. Mir ist Anarchie lieber als Zensur. Ich bin der Meinung, dass dem Staat die Verfuegungsgewalt ueber die Medien abgenommen werden muss und zwar konsequent. Die Rolle des Radios im Faschismus, oder die komplette Kontrolle und Manipulation der Medien im Ostblock zeigen doch sehr deutlich, was diese Verfuegungsgewalt bedeutet. Und aehnliche Verhaeltnisse herrschen noch in sehr vielen Laendern dieser Welt. Ich glaube, dass die Demokratisierung der Medien dringend notwendig ist, und wenn dabei tatsaechlich nur Schrott herauskommen sollte, bevorzuge ich persoenlich Schrott vor Staatskontrolle. Die Demokratisierung oder meinetwegen die Verschrottung der Medien muss weiter vorangetrieben werden, damit Leute, die sich ihrer totalitaer bedienen wollen, sie nie wieder in die Hand bekommen. Es ist vielleicht eine naive Vorstellung, aber ich glaube an eine antifaschistische Medienpraxis. Die koennen wir mit und im Internet konsequent vorantreiben. N: Und welche Moeglichkeiten der Gegenwehr gibt es konkret? L: Es wird Subnetze geben und eine Wiederkehr der Hacker. Im Moment beschaeftigen sich viele von ihnen mit Agenten - Programmen, die fuer den Anwender im Internet gezielt Informationen suchen, oder mit trash generators, die Dokumente im Netz vervielfaeltigen und neu zusammenbauen. Aber die Hacker, die jetzt das Netz aufbauen, werden bald von der zunehmenden Kommerzialisierung aus diesem Paradies vertrieben. Statt dem digitalen Konstruktivismus, der im Moment vorherrscht, werden sie dann an den Raendern ihre Viruskanonen aufmachen und das Netz wieder in Chaos versetzen. Aber es gibt auch andere Konzepte, beispielsweise wandering websites. Das sind Seiten im Internet, die nicht mehr lokal zu verorten sind. Faktisch werden ja jetzt, um eine WebSite zu verhindern, die Rechner von der Polizei beschlagnahmt. Und das widerspricht ganz der Erwartung der naiven Utopisten, die dachten, der Cyberspace sei nicht mehr zu verorten. Aber Cyberspace wird in Maschinen gelagert. In Finnland beispielsweise sind die anonymous remailers, die im Fruehjahr 1994 an verschiedenen Stellen auftauchten und es erlaubten, E-mails anonym zu verschicken, im Keim erstickt worden. Die Polizei kam vorbei und beschlagnahmte die Maschinen. Das ist ein gutes Beispiel dafuer, dass der Nationalstaat siegen kann, wenn er herausgefordert wird. Es wird noch viele Beispiele geben. Jetzt, wo der Internet-Hype langsam vorbei ist, wird das Internet wieder richtig spannend. N: Deiner Meinung nach muss also jetzt eine neue Cyber-Avantgarde entstehen, um diese Zensur zu verhindern? L: Ich sage ungern Zensur, um die wirkliche Zensur nicht zu verharmlosen. Ueber Zensur kann man in der Londoner Zeitschrift Index on Censorship nachlesen, wo es um den richtigen Kampf geht. Was im Internet passiert, ist geordnete Kommunikation. Das neue Medium hat nicht, wie erwartet, zu einem Paradigmenwechsel gefuehrt. Leider. Und diese Fragen sind fuer ungeheuer viele Leute wichtig, weil ihr Leben damit zusammenhaengt, nicht im existentiellen Sinne, aber im Rahmen der Sinngebung und der Steuerung von Taetigkeiten und Gedanken. Uns stellt sich heute die Medienfrage, so wie sich Ende des 19. Jahrhunderts die soziale Frage gestellt hat. Ich hoffe, dass wir darauf eines Tages eine Antwort geben koennen. Auch bei der Agentur BILWET fragen wir uns oft, ob es eine Welt nach den Medien gibt. Oder ob wir nur noch weiter in die Welt der Bilder und der Digitalitaet hineinklettern koennen. Ich glaube nicht, dass die Welt durch eine perfekte Simulation ersetzt werden kann, nicht einmal, dass die Oekonomie in Zukunft durch digitale Informationen gesteuert wird. Fuer mich ist es eine totalitaere Denkweise, dermassen von den Medien besessen zu sein, dass man glaubt, diese Medien seien das Ganze. Das Ganze ist immer noch das Unwahre. Bei Medientheoretikern wie Flusser gibt es keine Welt nach den Medien, keinen Seitenausgang. Diese Menschen scheinen nicht spazierenzugehen. Das stoert mich, denn wir muessen zwar dieses abgeschlossene Universum der Bilder erforschen, um uns darin zu orientieren, aber ich glaube nicht, dass es die Welt beherrschen wird. Und wenn dem sowaere, dann muesste man sich mssglichst bald dagegen wehren, weil die Digitalitaet doch nur ein ganz duenner Abklatsch von dem ist, was das Leben einfach beinhaltet. Geert Lovink, Medientheoretiker und Mitglied der Agentur BILWET (Bevordering van de ILlegalen WETenschap (Befoerderung der illegalen Wissenschaft), lebt und arbeitet in Amsterdam und Budapest. Aktuelle Arbeitsschwerpunkte: Draculaland Rumaenien, unabhaengige Medien im ehemaligen Jugoslawien, der touristische Blick, Datendandyismus, Medienoekologie. Veroeffentlichungen der Agentur BILWET: Bewegungslehre (Berlin 1991), Das Medienarchiv (Duesseldorf 1993), Der Datendandy (Mannheim 1994). Projekte im Internet: De Digitale Stad: http://www.dds.nl Agentur Bilwet: http://thing.desk.nl/bilwet Netzkritik: http://www.desk.nl/nettime