VDI nachrichten: Herr Lovink, sind Sie der typische Internet-Surfer? Lovink: Nein, ich benutze das World Wide Web nicht so viel. Die Grundlagen im Internet bleiben doch E-Mail und Newsgroups. VDI nachrichten: Warum dann diese allgemeine Aufregung ums Internet? Sind elektronische Post und Nachrichtengruppen nicht auch mit Mailboxen schon lange verwirklicht? Lovink: Die Basis fuer Buergernetze bilden natuerlich die Mailboxen. Das ist eine Szene, die weltweit immer noch recht gross ist und nicht einfach nur am Internet dran haengt, im Gegenteil. In Wien z.B. ist die aktive Mailboxszene eine Gruppe von rund 10 000 Leuten - vom Internet - in dieser einen Stadt - kann man das nicht sagen. VDI nachrichten: Sie sind Medientheoretiker und Netzkritiker. Kritiker behaupten, mit dem Umzug ins imer staerker von kommerziellen Interessen gepraegte WWW wuerde die alte, basisdemokratische und politische Mailboxszene zum Pizzabestelldienst verkommen. Wie gross ist die Gefahr? Lovink: Die Tradition der Buergernetze in Deutschland ist lebendig. Was hier bezueglich des Internet und des Web fehlt, ist eine Art Digitalcourage. Es genuegt natuerlich nicht, einfach einen Webserver aufzustellen und dann zu hoffen, dass die Leute kommen. Vor allem die deutschen Mailbox-Betreiber sollten endlich den Schritt zum Buergernetz im World Wide Web wagen. Von deren Unschluessigkeit profitieren nur die grossen, kommerziellen Dienste, naemlich AOL, Compuserve und T-Online. VDI nachrichten: Viele fuerchten sich vor dem Konzentrationsprozess im Internet... Lovink: ... und wenn sie nichts dagegen setzen, wird es nur noch schlimmer. Es gibt doch dieses typisch deutsche Vereinnahmungstrauma: Ich fange etwas an, und werde zwangslaeufig aufgekauft. Das ist fast ein Schicksal, und dann passiert es auch. Die Gefahr ist schon da, das sehe ich auch so. Dennoch ist das Misstrauen gerade der deutschen Intellektuellen dem Internet gegenueber eine typisch deutsche Diskussion, die doch nur die Ohnmacht nach 1989 widerspiegelt, die Folge des Vereinigungstraumas. Lieber bleibt man in seinem Elfenbeinturm oder bestenfalls bei der Mailbox, als wirklich in die Offensive zu gehen. Man muss sich trauen. Wer in der Informationsgesellschaft Einfluss gewinnen will, der muss das heute ueber die bedienerfreundliche Benutzeroberflaeche des WWW tun. VDI nachrichten: Was sind ihre Erfahrungen mit der digitalen Stadt Amsterdam? Koennen solche Netze von unten noch auf die Entwicklung des Internet Einfluss nehmen? Lovink: Nach meiner Erfahrung ja. Es geht uns auch in der digitalen Stadt darum, wirklich Einfluss auszuueben. Ein Schwerpunkt dabei ist natuerlich die Vernetzung der unterschiedlichsten Gruppen. Vor einem halben Jahr schon kam der Schwulen-Bereich hinzu, das war selbstverstaendlich. Und das alles ist auch laengst keine reine Maennerdomaene mehr. Heute haben bereits eine Frauenanteil von 20 % Frauen und vor einem Monat wurde der erste reine Frauenplatz eroeffnet. VDI nachrichten: Welchen Einfluss auf die Politik koennen sie denn vorweisen. Lovink: Direkten Einfluss im Sinne von digitalen Abstimmungen nicht. Die interne Vernetzung der Politik oder der Stadtverwaltung geht auch ueber unseren Rahmen hinaus, es gibt aber schon von Anfang an Gateways zu oeffentlichen Stellen. Vielmehr entscheidend aber ist, dass in der digitalen Stadt debattiert wird. Hier, in der Diskussion ueber die Bestimmung der Informationsgesellschaft hat sie ihre Funktion. Diese Diskussion geht doch laengst nicht mehr nur die Computerfachleute an. VDI nachrichten: Wer kann unter welchen Auflagen bei Ihnen mitmachen? Lovink: Unser System ist frei und offen und wird umsonst angeboten. Jeder kann bei uns mitmachen. Und es funktioniert. Kuerzlich fragten Schweden bei uns an, ob sie ein schwedisches Cafe in der digitalen Stadt eroeffnen duerfen. Prima, haben wir gesagt. Dann macht mal. VDI nachrichten: Gibt es so etwas wie digitale Stadtplanung? Lovink: Es ist nicht so, dass wir das planen und dann einrichten. Die digitale Stadt ist ein Modell der Selbstverwaltung. Wer sich engagieren will, der darf das tun. Heute haben wir gut 40 000 Bewohner und es werden taeglich mehr. VDI nachrichten: Worauf fuehren Sie Ihren Erfolg zurueck? Lovink: Ein Buergernetz muss offen und einfach zugaenglich sein. Und es darf nicht viel kosten, am besten umsonst. Das geht. Die Mitgliedschaft in der digitalen Stadt ist und bleibt umsonst. Das Online-Surfen in Deutschland ist doch immer noch tierisch teuer. VDI nachrichten: Es gibt also einen edlen Spender in Amsterdam? Lovink: Es gibt keine Dauerfinanzierung, wir muessen immer wieder etwas auftreiben, durch Spenden, Sponsoren und auch durch Forschungsauftraege VDI nachrichten: Und staatliche Beihilfen? Lovink: Nein. Die digitale Stadt gehoert auch nicht der Stadt Amsterdam, und das soll auch so bleiben. Viele denken, dass die Stadt daran beteiligt ist, dass ist aber nicht der Fall. Nur am Anfang hat sie uns ein bisschen was gegeben. VDI nachrichten: Und wem gehoert das digitale Paradies? Lovink: Die digitale Stadt gehoert den Leuten, die sie gegruendet haben und einer Stiftung mit einem breiten politischen Spektrum. Wir versuchen, dem Kommerzdruck und den Zensurmassnahmen, die im Internet immer deutlicher werden, vor allem durch die kommerziellen Online-Dienste, eine breitangelegte Alternative entgegenzusetzen. VDI nachrichten: Ganz ohne Kommerz scheint es nicht zu gehen. Auch sie brauchen Sponsoren. Lovink: Mit einem Unterschied, auch und gerade zu den vielbeschworenen rein werbefinanzierten Netz-Zugaengen: Gesponsort wird die DDS von Staat und Wirtschaft, aber denen gehoert sie nicht. VDI nachrichten: In Deutschland streben Initiativen wie "Bayern Online" der bayerischen Staatsregierung den Anschluss der Buerger ans Netz an. Was halten Sie davon? Lovink: Ein Buergernetz kann man nicht von oben verordnen. Auch in den Niederlanden hat es in einigen Staedten diese Versuche gegeben, doch die Buerger haben das nicht akzeptiert. In Wien uebrigens auch nicht. Dort musste das Wiener Stadtnetz zumachen, weil es den Leuten zu nah am Rathaus und der SPOe war. VDI nachrichten: Also empfiehlt der Netzkritiker Lovink den Bayern den Boykott von Bayern Online? Lovink: Nein, das waere wieder typisch deutsch. Wenn etwas von Staatswegen geplant wird, haengt es doch auch immer vom zivilen Ungehorsam der Beteiligten ab, was daraus wird: Bleiben die Leute brav und staatstreu, oder machen Sie mit, nehmen aber die Sache selbst in die Hand. Noch ist das moeglich. VDI nachrichten: Muessen sich Konsumangebot und Buergernetz eigentlich widersprechen? Der staedtische, oeffentliche Raum besteht schliesslich auch sowohl aus Supermaerkten wie Buergerbueros. Lovink: Idealerweise geht es zusammen. Die Frage ist nur: Wird es auch gewollt und zugelassen? VDI nachrichten: Konkret? Lovink: Konkret: Bekommen die Leute umsonst eine E-Mail-Adresse und Homepages. Und gibt es die Moeglichkeit, Orte selbst zu gestalten und sich zu organisieren oder eben nicht. VDI nachrichten: Internet-Enthusiasten sehen ueber das Netz bereits einen Paradigmenwechsel in der Medienlandschaft heraufziehen: Vom reinen Broadcasting, vom Verteilmedium fuer Radio und Fernsehen, zu einem interaktiven Medium, bei dem der Empfaenger gleichzeitig auch Sender ist. Sehen Sie das auch? Lovink: Hier in den Niederlanden, wo es eine andere Medientradition gibt, als in Deutschland, versucht man es zumindest. In Deutschland geht doch auch die Privatisierung von Fernsehen und Rundfunk sehr wohl einher mit Kontrolle von oben. In Amsterdam haben wir bereits zwei public access Kanaele im Fernsehen, also freie, wirklich oeffentliche Sender, nicht Staatsfernsehen wie in Deutschland. Und schon lange haben wir eine Anzahl von freien Radiosendern, darunter drei Piratenradios. Doch bisher waren alternative Rundfunksender in der Reichweite nur auf ein paar Kilometer beschraenkt, ueber Internet erreicht man die ganze Welt. VDI nachrichten: Das klingt dann doch recht bescheiden... Lovink: Das ist alles noch in den Anfaengen. Es ist aber absehbar, dass diese Medien aufeinander zuwachsen, wenn Audio und Videotechnologien im Netz Standard sind. Wir haben dieser Tage eine Rundfunkstation im Internet gegruendet und werden Realaudio fuer die Ausstrahlung von Radiosendungen einsetzen. Wir werden uebrigens auch Archivmaterial, Audio und Video, aus dem Internationalen Institut fuer Sozialgeschichte in Amsterdam auf diesem Weg, ueber das Internet, oeffentlich zugaenglich machen. VDI nachrichten: Vivat Internet? Lovink: Generell kann man sagen: Die Initiative muss von unten kommen, und diese Chance muss man jetzt wahrnehmen, solange es im Internet noch moeglich ist. Wenn mangels Alternative erst einmal alle bei AOL, Compuserve und T-Online gelandet sind, dann ist es zu spaet.